Ein Instrument aus massivem Silber!

Selmer Altsaxophon SERIE III aus massivem Silber

Von Rainer Müller-Irion

Nun gibt es das hier bereits getestete Serie III Altsaxophon auch in einer Ausführung aus massivem Sterling Silber, ebenso wie das Serie III Sopransaxophon. Ob der Preisunterschied zur normalen Messingausführung von ca. 2000,- EUR für diese Instrumente gerechtfertigt ist, soll dieser Test zeigen. Neben den Vintage Saxophonen von King (Modell Super 20) gibt es meines Wissens nur bei Yanagisawa  aktuell Instrumente aus Vollsilber. Im Flötenbau sind heute alle Flöten des hochpreisigen Marktsegmentes mit Vollsilber-Kopf und Vollsilberrohr ausgestattet. Bei den Flöten sorgt dieses Material für einen runden, weichen zentrierten Klang. Bei den Saxophonen jedoch ist der Werkstoff Silber fast ausschließlich als Oberfläche für Messing gängig. Ob der Silberwerkstoff wirklich so starken Einfluss auf den Klang hat, wie im Querflötenbau, soll auch ein Thema dieses Tests sein.

 

Optik und Verarbeitung
Das Super Action Serie III, mit der Seriennummer N.649953, fällt durch seine zweifarbige Optik auf. Während die gesamte Mechanik in normaler Goldlackoptik ausgeführt ist, sind S-Bogen, Korpus und Schallbecher aus hell strahlendem Silber. Die Verarbeitung ist tadellos, was in diesem Preissegment auch zu erwarten sein sollte. Noch ein paar Worte zur Verarbeitung. Einige Leser hatten ernstzunehmende Einwände zur Beurteilung der Verarbeitungsqualität. So ein Test kann aber immer nur den Zustand der Instrumente im Augenblick des Tests beurteilen und nicht den Zustand  nach jahrelangem Gebrauch. Hier müsste man eine große Anzahl von „Usern“, eines bestimmten Instrumententyps nach ihren Erfahrungen befragen. Die Automagazine machen uns das vor. Ob dieses Vorgehen aber auf den wesentlich kleineren Markt der Musikinstrumente zu übertragen ist, und eine annähernd repräsentative Anzahl von Nutzern zukäme, wage ich zu bezweifeln. So gibt es für mich als Tester immer nur die Möglichkeit zu beurteilen, was ich aktuell sehe.
Das Saxophon hat keine Gravur auf dem Schallbecher, was optisch das schöne Silber betont, aber auch sicherlich den Schallbecher optisch empfindlicher für Verkratzen macht. Die genaue Zusammensetzung der Silberlegierung fällt nach Auskunft des deutschen Vertriebs unter das Betriebsgeheimnis, kein Stempel verrät den tatsächlichen Silberanteil. Da das Instrument als Sterling-Silber-Saxophon beworben wird, lässt sich eine 925er Legierung vermuten.

Mechanik und Handling
Das vorliegende Altsaxophon verfügt über die normale Mechanik der Serie III-Saxophone. Die Features dieser Mechanik möchte ich noch einmal darstellen, weil sie mit vielem brechen, was bei Selmer jahrzehntelang Standard im Saxophonbau war. Bei Selmer war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Mechanik fast vollständig auf eine lange Platte gelötet wurde, die wiederum auf dem Korpus befestigt war. Diese Lösung stand für Stabilität und war wie gesagt Standard über Jahrzehnte. Auch viele Selmer-Kopien benutzen diese Art der mechanischen Konstruktion, natürlich auch die aktuellen Serie II Saxophone von Selmer. Für die Serie III wurde eine mechanische Befestigung gewählt, die man in der Selmer-Sprache als Mini-Ribs bezeichnet. Die Mechaniken werden dabei entweder einzeln oder in 2er oder 3er Gruppen auf kleine Platten gelötet. Dies soll für ein freieres Schwingungsverhalten der Schallröhre sorgen und somit für eine leichte Ansprache und für einen verbesserten Klang. Das gilt natürlich für beide Ausführungen, Messing und Silber. Die Sterling Silber Ausführung verspricht laut Werbung noch mehr Volumen, Fülle und Homogenität im Klang und eine leichtere Ansprache im tiefen Register als auch im Flageolett-Bereich. Die Features sind die gleichen wie schon im Vergleichstest Serie II Serie III (sonic 3.2004) beschrieben: Eine Anzahl nützlicher Einstellschrauben, beide Daumenauflagen aus Metall, die geniale Cis Ausgleichsklappe, kein dreieckiges Selmer-Logo am S-Bogen, auch das im Sinne eines freieren Schwingungsverhaltens um nur einige Features der Serie III-Mechanik zu nennen. Das Handling des Saxophons, beziehungsweise die Anordnung der Klappen, ist tadellos. Nur die Einstellung des Klappenaufgangs entspricht nicht der sonstigen Qualität der Verarbeitung. Wie mir der Vertrieb mitteilte, ist das Instrument bereits des Öfteren als Ansichts- und Testinstrument herumgereicht worden, sodass der Zustand eventuell nicht mehr der Werkseinstellung entspricht. Die Klappen der rechten Hand waren extrem weit offen, etwas mehr als 10 mm gemessen an der Tief-D Klappe. Ein geringerer Abstand, 2 mm näher am Korpus, ist da meiner Ansicht nach ohne Einbußen an Klang und Intonation möglich, und das Spielgefühl würde erheblich verbessert. Dagegen war die Klappe für das tiefe und mittlere Es mit 6 mm Klappenaufgang viel zu nah eingestellt. Erst durch Aufdrehen der Einstellschraube konnte ein gutes Intonationsergebnis, bei dem ansonsten zu tiefen Es erreicht werden. Die Federspannung ist für ein Selmer Saxophon relativ leicht eingestellt, aber ein Nachzittern der Klappen konnte nicht festgestellt werden. Im Bereich der linken Hand war leider ein Schmatzen der Polster deutlich vernehmbar.

Klang, Ansprache und Intonation
Den zentralen Punkt unseres Tests verlässt unser Testkandidat nicht ganz unbeschadet. Zuerst führen wir die Intonationsprüfung durch. Die Intonation ist nach den beschriebenen Einstellarbeiten an der Es-Klappe, als sehr gut zu bewerten. Alle praxisrelevanten Stimmungen zwischen 440 Hz und 444 Hz lassen sich gut realisieren, wobei das Mundstück immer sehr weit auf den S-Bogen geschoben werden muss, aber das haben wir ja schon beim Messingexemplar gesehen. Die Ansprache ist relativ leicht und verzögerungsfrei. Die Ansprache der tiefen Töne ist dabei tatsächlich, wie in der Werbung versprochen leicht und bis Tief-Bb auch im Piano ausführbar. Eine außergewöhnliche Leichtigkeit der Ansprache im Flageolett-Registers konnte ich nicht feststellen, das kann sich aber nach dem Einspielen noch ändern. Der Klang des Saxophons als zentraler Parameter ließ mich trotz der Gleichmäßigkeit etwas enttäuscht zurück. Von mehr Volumen und Fülle kann nicht die Rede sein, eher von etwas feiner Wärme. Aber hier komme ich an die Grenzen der sprachlichen Beschreibung von klanglichen Phänomenen. Der strahlende Glanz im Klang vieler Selmer Saxophone kommt bei der Sterling-Silber Ausführung etwas zu kurz. Hier steht der preisliche Unterschied in keiner Relation zum klanglichen Ergebnis. Meinem Refernz-Saxophon, einem frühen Mark VII, kann das Silber-Modell klanglich nicht standhalten. Wer die Vorteile der Serie III sucht und den feinen Klang des Silbers wünscht, kann auch zur Standard-Messingversion greifen und dazu einen Vollsilber S-Bogen kaufen – das spart einige Euro

Koffer und Zubehör
Das Instrument wird wie gewohnt mit Koffer, Mundstück und Zubehör geliefert, was ja längere Zeit bei Selmer Instrumenten nicht der Fall war. Zum Lieferumfang gehört ein Light-Rucksackkoffer des französischen Herstellers Bam, natürlich mit Selmer-Logo. Der Bam-Koffer ist das augenblickliche „Non-Plus-Ultra“ unter den Rucksackkoffern und ebenso oft kopiert wie die Selmer Saxophone. Die Rucksackgurte des in vornehmen Grau gehaltenen Koffers, sind ergonomisch geformt und ermöglichen dadurch ein längeres ermüdungsfreies Tragen. Ein großes Notenfach bietet reichlich Platz und die Gurte lassen sich unsichtbar verstauen. Als Mundstück liegt ein Selmer S 80 C* bei. Dieses Mundstück mit seiner quadratischen Kammer ist das Standardmundstück für den klassischen Saxophonisten. Es bietet einen modernen, keineswegs leisen oder gedeckten Sound, der sogar für manche Jazz-Spieler durchaus brauchbar ist. Leider war bei meinem Testinstrument das Mundstück inzwischen abhanden gekommen, aufgrund der vielen Hände, durch die das Instrument schon gegangen war. Als Zubehör finden sich neben einem weichen Tuch mit Selmer-Logo, Tragegurt, Durchziehwischer, Korkfett und Instrumentenpass auch zwei Blättchen der Marke Selmer Omega. Also hier volle Punktzahl.

Fazit
Die Suche nach dem perfekten Altsaxophon geht weiter. Das Vollsilber Serie III Alto von Selmer hinterlässt dabei einen zwiespältigen Eindruck. Es besitzt alle Tugenden der Serie III Saxophone wie absolute Gleichmäßigkeit der Skala, sehr gute Intonation, leichte Ansprache in allen Registern und eine ausgereifte Mechanik. Klanglich kann aber von einer Überlegenheit zu Messingsaxophonen, meiner Ansicht nach, nicht gesprochen werden. Der hohe Preis dieses Instruments ist deshalb nicht gerechtfertigt. Ein gutes Messingsaxophon, eventuell mit einem Vollsilber S-Bogen versehen, wäre eine angemessene Alternative.

 

Pro und Contra

+ vorbildliche Verarbeitung
+ moderne Mechanik
+ Cis-Ausgleichsklappe
+ sehr ausgeglichene Skala
+ einwandfreie Intonation

- verbesserungsfähige Einstellung (eventuell keine Werkseinstellung mehr)
- leicht schmatzende Polster
- hoher Preis

www.sonic.de