Der kleine Riese!

Der Kleine Riese!

Testbericht über die SELMER Piccolo Bb-Trompete 365 BLF

Von Ansgar Nake
Nach wie vor scheint die Piccolotrompete das Instrument für eine kleine Gruppe von Spezialisten zu sein. Das Betätigungsfeld dieser Trompete liegt klar im klassischen Bereich, ein wenig neue Musik und dann ist auch schon Schluss. Warum tut man sich mit der kleinen Trompete so schwer, warum treibt sie dem Bläser schon lange vor dem Solo den Angstschweiß auf die Stirn? Es gibt doch inzwischen eine ganze Reihe von Instrumenten, mit denen bei ein bisschen Übung auch schwierige Passagen zu meistern sind: Stomvi-Trompeten sind hier zu nennen, Thein, Yamaha und natürlich von Schilke die ´P5-4´ – alle in langer Bauart, um dem Bläser weitgehend die gebräuchliche Trompetenhaltung zu ermöglichen.
Das Modell ´360´ war über Jahrzehnte die klassische hohe Trompete in kurzer Bauart, seit ungefähr zehn Jahren schickt Selmer die ´365 BLF´ ins Rennen. Kann sie gegen die Konkurrenz der ´langen Kerls´ bestehen?
Das Instrument
Klein und schnuckelig liegt sie vor mir und strahlt mich an. Dunkler Goldlack, sehr schöne Politur, natürlich vier Ventile und Trigger für den dritten Zug – man muss sie einfach mögen und immer wieder anschauen, mal zur Hand nehmen, die Ventile betätigen. Das klassische Design unterscheidet sich nicht nur optisch von der langen Bauart. Durch die kompakte Bauweise können diese Instrumente beim Schallbecherdurchmesser und der Bohrung kleiner gehalten werden als die lange Version, was dem typischen klassischen Piccolosound entgegen kommen soll. Wir werden das ausprobieren.
Unsere ´365 BLF´ hat einen Becherdurchmesser von 95 mm, schon hier zeigt sich die Kunst der französischen Instrumentenmacher, die sich in der hervorragenden Gesamtverarbeitung fortsetzt. Auch bei genauster Suche kann hier nichts beanstandet werden – das bedeutet Höchstpunktzahl in dieser Disziplin.
Die Ausstattung ist vollständig: B- und A-Stift für den normalen Trompetenschaft, zwei neu konstruierte Wasserklappen (endlich mit der Standardfeder!), zusätzlicher Halbtonzug für das vierte Ventil, um besonders bei neuer Musik alle Möglichkeiten zu haben. Natürlich darf der bekannte Trigger für den dritten Zug nicht fehlen. Hier hat sich leider in den letzten Jahren nichts getan, obwohl mancher Bläser den Abstand des Drückers zur Ventilbüchse als zu weit empfindet. Auch die Kunststoffringe zur Dämpfung des Zuges sind nicht optimal gewählt und viel zu hart; dünne schwarze Gummiringe machen den Aufschlag deutlich leiser und wurden am Testinstrument natürlich angebracht.
Die Federn der Ventilmaschine sind stramm gewählt und sicherlich für dauerhaften, jahrelangen und professionellen Gebrauch ausgelegt, trotzdem waren die meisten Tester davon nicht begeistert und forderten leichteren Ventilgang. Leider konnte diesem Wunsch nicht entsprochen werden: Die Federn haben eine ganz spezielle Größe, die extra angefertigt werden müsste, was für den Test mit unserer ´365 BLF´ natürlich zu aufwändig wäre. In der Praxis würde sicherlich auch ein Kürzen der Federn um eine Wicklung Erleichterung bringen.
Monelventile mit kurzem Weg sind in dieser Klasse selbstverständlich, eine gute Handlichkeit nicht unbedingt, aber die ´365´ passt perfekt. Durch den gut positionierten Ring am gebogenen Teil des Mundrohres hat man sehr guten Halt; auch wenig geübte Piccolo-Bläser können das vierte Ventil ohne Probleme erreichen. Der Triggerhebel stört jetzt doch erheblich, der Daumen muss zur Betätigung viel zu weit gespreizt werden. Wenn hier der Hersteller noch nachbessern würde, könnte das Urteil auch beim Handling ´sehr gut´ heißen, also die dringende Bitte an die Kollegen nach Paris hier tätig zu werden. Nach so vielen positiven Eindrücken müssen wir sie einfach noch mal anschauen und tief Luft holen, um dann mal anzublasen.

Der Anblastest
Warum gibt es außer der ´365 BLF´ noch andere Piccolotrompeten? Wir haben hier ein Instrument, das alle Piccolobläser begeistern muss. Klarer, heller Klang in der Höhe ohne jemals zu platzen oder unangenehm zu werden. Sehr gute, fast fehlerfreie Intonation in allen Lagen (der Trigger wird kaum benötigt) und eine erstaunlich leichte Ansprache.
In diesem Punkt tat sie sich natürlich, bedingt durch die Konstruktion, gegen die langen Kollegen etwas schwerer und kam an die überlegene Ansprache einer außer Konkurrenz mitlaufenden Yamaha ´9830´ nicht heran. Hier ist der Konusverlauf, das Schallstück und die Bohrung einfach größer – der Sound aber nicht unbedingt schöner. Zudem benötigen professionelle Bläser häufig den gewissen Widerstand, um sich auf dem Instrument wohl zu fühlen. Die Meinungen unter den Testern waren deshalb geteilt: Die Klassiker tendierten geschlossen zur ´365´, Freelancer aus Musical und Bigband schon aus Haltungsgründen eher zum langen Modell. Da hätte Selmer ja auch noch ein Pferdchen im Stall…
Der Klang unseres Testmodells hat alle begeistert – die hohe und höchste Lage ist eindeutig die Paradedisziplin der ´365´. Da quäkt nichts und klingt nichts gequetscht; immer schön die Skala nach oben und dann richtig ´fortissimo´. Selbst hier kommt die ´365´ nicht an ihre Grenzen; der Zeiger vom Stimmgerät bleibt praktisch immer in der Mitte hängen. Auch nach einem Batteriewechsel das inzwischen gewohnte Bild; die ´365´ zeigt sich von Intonationsproblemen völlig unberührt. Das gilt übrigens auch bei der Benutzung des A-Stiftes, obwohl diese tiefere Stimmung nicht perfekt zu diesem Instrument passt. Alles fühlt sich ein wenig unflexibler und gedämpfter an. Die Höhe kommt immer noch frisch, aber deutlich weniger strahlend als bei der B-Stimmung. Die ist das perfekte Arbeitsfeld für unsere Testkandidatin, hier kann sie alle Stärken ausspielen und gibt dem Bläser jederzeit ein sicheres Gefühl. Fast wehmütig lieferte mancher das Instrument nach intensivem Test wieder in der Werkstatt ab.

Meine Bewertung
Die Selmer ´365 BLF´ ist auf jeden Fall erste Wahl, wenn es um den Kauf einer Piccolotrompete geht. Die hervorragende Verarbeitung spricht für sich, da darf über Kleinigkeiten wie einem nicht ganz perfekt positionierten Triggerhebel, laute Zugdämpfungsringe oder etwas zu stramme Ventilfedern gerne hinweggesehen werden.
Der Anblastest bestätigte die besondere Qualität dieses Instrumentes; bis auf minimale Schwächen in der Ansprache beim Vergleich mit einer langen Konstruktion konnte die ´365´ überall ein ´sehr gut´ abräumen und gehört in die vorderste Reihe der professionellen Piccolotrompeten!
An dieses Instrument sollte sich auch der Hobbybläser herantrauen!

Zwei Bemerkungen zum Schluss:
Beide Mundrohrstifte der ´365´ sind für Standard-Trompetenschäfte ausgelegt, die Auswahl ist also groß. Wir benutzten in unserem Test Bach 7E, Yamaha 14A4a GP, Warburton 4SV und Meister Anton 3C. Alle Tester kamen auf der Piccolotrompete mit ihren Mundstücken sehr gut zurecht.
Leider ist die Ersatzteilsituation bei Selmer Paris nach wie vor unbefriedigend. Da kann es passieren, dass man auf Originalfedern oder -filze schon mal vier Monate warten muss. Ich bin aber überzeugt, dass Musik Meyer als deutscher Vertrieb diese Problematik in nächster Zeit professionell lösen wird. Denn erst dann kann sich der Bläser mit der ´365 BLF´ über ein perfekt gelungenes Instrument freuen.

pro + contra
+ perfekte Verarbeitung, tolle Optik
+ im Anblastest beste Werte
+ bequemes Handling auch für weniger geübte Piccolobläser
+ sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

- Triggerhebel unbequem
- zu stramme Federn - Ersatzteilsituation (noch) unbefriedigend

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