Auf der Suche nach dem perfekten Altsaxophon

Auf der Suche nach dem perfekten Altsaxophon

Selmer Altsaxophone "Super Action 80 Serie II” versus „Serie III”

Von Rainer Müller-Irion

Hatte man beim traditionsreichen französischen Hersteller Selmer bis 1999 nur ein Altomodell zur Auswahl, so sind es seit letztem Jahr drei verschiedene Modelle unter denen der Kunde auswählen kann. Bei den Altsaxophonen umfasst die aktuelle Modellinie neben dem neuen Reference (sonic 3.2003) das 1986 vorgestellte Super Action 80  „Serie II“ sowie das 1999 auf den Markt gekommene „Serie III“-Saxophon. Letztere wollen wir uns heute etwas genauer anschauen.


Optik und Verarbeitung
Die Verarbeitung sollte heutzutage kaum mehr ein Thema darstellen, da die Fertigungsqualität selbst preisgünstigerer Marken auf einem sehr hohen Niveau angekommen ist. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass selbst bei teuren Profi-Instrumenten deutliche Verarbeitungsmängel sichtbar werden. Also genau hingeschaut: Unsere beiden Testkandidaten sind ohne Fehl und Tadel. Sie haben die klassische Goldlackoptik, beide mit dem gleichen hellen Goldton. Die Gravur beim „Serie II“ ist etwas kleiner ausgefallen und bedeckt nur Teile des Trichters, während die Gravur beim „Serie III” normal groß ist. Die Gravur wird bei Selmer übrigens traditionell nach dem Lackieren von Hand aufgebracht, spürbar an den Kanten der Gravur, die deutlich schärfer sind als beispielsweise bei Yamaha. Die „Serie II“ hat die beiden Daumenstützen aus Kunststoff, „Serie III“ verwendet Metalldaumenstützen. Die Polster beider Modelle haben Metallresonatoren, die Polster des „Serie II“-Modells mit einer Niete in der Mitte, „Serie III“ kommt ohne Niete. Bei beiden Instrumenten ist kein Schmatzen der Polster zu vernehmen. Natürlich sind alle Polster dicht und die Einstellung der Mechanik einwandfrei. Das Selmer Super Action „Serie II“ stellt das meistkopierte Saxophon auf dem Markt dar, doch hat das Original nach wie vor die Aura, die nur den Saxophonen mit dem blauen S auf dem S-Bogen eigen ist.

Mechanik und Handling
Der größte Unterschied zwischen beiden Instrumenten liegt in der mechanischen Konstruktion. Während das „Serie II“ eine Weiterführung der klassischen Selmer-Tradition ist, so stellt das „Serie III“ – anders als der tiefstapelnde Name des Instruments vermuten lässt – eine komplette Neuentwicklung dar. Dreizehn Jahre Entwicklungsarbeit sind deutlich spürbar und für mich ist das „Serie III“ das modernere Instrument, das einerseits mit einigen traditionellen Features der Selmer-Saxophone bricht, andererseits ein typisches Selmer-Instrument bleibt. Da die Features des „Serie II“ den meisten Lesern bekannt sind, werde ich hauptsächlich die Neuentwicklungen bei den „Serie III“-Altos darstellen. Die Mechanik des „Serie III“ ist nur teilweise auf eine Platte gelötet, viele Mechaniken sind direkt auf den Korpus gelötet. Dies soll das Schwingungsverhalten des Korpus verbessern und die Ansprache erleichtern. Trotzdem wirkt es nicht weniger stabil als das „Serie II“, dessen Mechanik weitestgehend auf eine Platte gelötet ist. Ob dieser Eindruck täuscht müssen eher die Instrumentenbauer entscheiden, die Saxophone nach eventuellen Unfällen wieder herrichten müssen. Eine deutlich sichtbare Änderung ist die Cis-Ausgleichsklappe, die den von den meisten Saxophonisten als gottgegebenen Bruch in der Lautstärke und Klangfarbe zwischen mittlerem Cis und D nivelliert. Die relativ aufwändige Bedienung dieser Klappe, die sich nur beim mittleren Cis öffnet und sonst ständig geschlossen ist, macht sich so gut wie überhaupt nicht bemerkbar – keine langsamere oder schwergängigere Mechanik ist zu spüren. Ausnahme bilden die Tonwechsel vom leeren Cis vor aufwärts, dort merkt man etwas die Masse des zu bewegenden Metalls, vor allem im linken Daumen, d.h. in der Oktavmechanik. Dieser etwas ungewohnte Kraftaufwand behindert die Spieltechnik in keiner Weise. Dass eine solche Klappe natürlich ebenso wie die Mechanik zu ihrer automatischen Bedienung eine mechanische Verkomplizierung darstellt und damit die Anfälligkeit erhöht, liegt auf der Hand. Ob das klangliche Ergebnis den mechanischen Aufwand rechtfertigt werden wir im nächsten Abschnitt unseres Tests untersuchen. Zahlreiche Detailverbesserungen der Mechanik sind zu bemerken. Angefangen mit den Seitenklappen der linken Hand die etwas kleiner und niedriger ausgefallen sind als bei der „Serie II“, über die Kleinfingermechanik der linken Hand, bei der die seitliche Cis-B-Kopplung nicht mehr beweglich ist, sondern aus einem Stück Messing mit dem Tief-B-Drücker. Außerdem ist der Winkel der Kleinfingermechaniken etwas verändert und befindet sich fast auf der gleichen Ebene wie die übrigen Klappen der linken Hand. Was die rechte Hand angeht, so sind die Seitenklappen für Ais,Triller-C und Hoch-E leicht ansteigend angeordnet und nicht mehr parallel zum Korpus verlaufend wie bei der „Serie II“. Die Seitenklappen für Ais und Triller-C weisen übrigens Einstellschrauben für den Klappenaufgang auf, so dass etwaige Intonations- oder Klangänderungen damit leicht eingestellt werden können. Die Drücker für Eb und Tief-C sind bei der „Serie III“ minimal kleiner und anders geformt als bei der „Serie II”. Bei der „Serie III“ ist man bei den Kleinfingermechaniken der rechten Hand zur bewährten Mechanik des Mark VI zurückgekehrt: Beide Mechaniken sitzen auf einer Achse und bewegen sich so aus der gleichen Ebene. Bei der „Serie II“ finden sich noch zwei übereinander angeordnete Achsen (Tief-C oben, Eb unten), die aber mit demselben Achsbock auf den Korpus montiert sind. Beide Modelle verdienen für ihre Mechanik und ihr Handling Bestnoten, wobei ich persönlich das „Serie III“-Instrument, aufgrund der moderneren mechanischen Konzeption vorziehen würde, aber das bleibt Geschmacksache.

Klang, Ansprache und Intonation
Beide Instrumente verfügen über den typischen Selmer-Klang. Strahlende Höhen ausgeglichene Mitten und deutliche Tiefen. Ein Klang der sich sowohl im klassischen Saxophon, wie auch im Jazz etabliert hat. Die Liste der berühmten Selmer-Solisten ist lang. Der Klang des „Serie II“ erinnert mehr an das Mk VI, während das „Serie III“ noch etwas runder und weicher wirkt, aber das sind Feinheiten. Immer wieder faszinierend ist die große dynamische Bandbreite vom flüsternden Pianissimo bis zum brüllenden Fortissimo, nichts überfordert die Selmer-Altos.
Die Ansprache und der Klangcharakter im Detail sind stark abhängig vom verwendeten S-Bogen. Beide S-Bögen lassen sich auf beiden Instrumenten spielen, wobei der „Serie II“-Bogen eine etwas direktere An- sprache hatte, als der etwas vornehm zurückhaltende des „Serie III“. So lassen sich per S-Bogen-Wahl noch zahlreiche Klangnuancen entdecken, aber diese Erkenntnis ist für unsere Leser ja nichts Neues. Um der Intonation der Instrumente gerecht zu werden, muss ich an diesem Punkt den Test aufspalten und eine Einzelwertung vornehmen.

Intonationsprüfung „Serie II”:
Als Selmer-Spieler erwartet einen beim Spiel auf dem „Serie II“-Instrument viel Altbekanntes. Eine ziemlich ausgeglichene Skala mit Tendenz der hohen Töne zu hoch zu sein und der tiefen Töne unterhalb F etwas zu tief zu sein. Was auffällt ist, dass man das entsprechende Mundstück schon sehr weit auf den Kork schieben muss um die für Europa tiefe 440 Hz-Stimmung zu verwirklichen. Bei einer 442 Hz-Stimmung ist schon kaum noch Kork zu sehen und die hohe Lage tendiert zunehmend nach oben. Ein Intonationsausreißer ist leider der Ton Cis, der in der hohen Lage deutlich zu hoch ist. Ansonsten bleibt die Intonation im grünen Bereich solange man keine Stimmungen wie 444 Hz realisieren will, dann muss man die hohe Lage schon sehr deutlich nach unten korrigieren. Mir scheint als hätte ich diese Intonationsprüfung aus dem Testbericht über das Reference Alto von Klaus Dapper abgeschrieben (sonic 3.2003), der zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam. Flageoletts sind übrigens gut zu spielen und die Intonation entspricht meinen Gewohnheiten und den Griffen vom Mk VI.

Intonationsprüfung „Serie III”:
Spielt man die erste Tonleiter auf dem „Serie III“ Alt, so werden alle Vorurteile gegenüber dem mechanischen Aufwand für die Cis-Ausgleichsklappe unwichtig. Ich habe noch nie ein Saxophon mit einem so einheitlichen und ausgeglichenen Klangcharakter gespielt. Der Registerübergang zwischen Cis und D scheint nicht mehr zu existieren und die Intonation ist trotz sehr weit auf den Kork zu schiebenden Mundstücken in allen getesteten Stimmungen 440 Hz, 442 Hz und 444 Hz ausgeglichen und sehr gleichmäßig. Auch der Problemton Cis war kein Problem mehr, sowohl von der Klangfarbe als auch von der Intonation. Mit der „Serie III“ ist Selmer der Konkurrenz wieder ein Stückchen voraus. Der Preis, den der erfahrene Spieler für solche beinahe Perfektion im normalen Register bezahlen muss, sind andere Griffe im Flageolett-Register, denn viele der gewohnten Griffe funktionieren intonationsmäßig nicht mehr auf dem „Serie III“. Im normalen Umfang eröffnet es eine neue Dimension, vor allem für den Klassik-Spieler.

Koffer und Zubehör
Beide Instrumente werden mit Koffer, Mundstück und Zubehör geliefert, was ja längere Zeit bei Selmer-Instrumenten nicht der Fall war. Zum Lieferumfang beider Altos gehört ein Light-Rucksackkoffer des französischen Herstellers Bam, natürlich mit Selmer-Logo. Der Bam-Koffer ist der Rolls-Royce unter den Rucksackkoffern, ebenso oft kopiert, wie die Selmer-Saxophone. Die Rucksackgurte des in vornehmen Grau gehaltenen Koffers, sind ergonomisch geformt und erlauben so auch längeres ermüdungsfreies Tragen. Ein großes Notenfach bietet Platz für viele Etudenhefte und die Gurte lassen sich, wenn man den Koffer normal tragen will unsichtbar verstauen. Als Mundstück liegt beiden Saxophonen ein Selmer S 80 C* bei. Dieses Mundstück mit seiner quadratischen Kammer ist das Standardmundstück für den klassischen Saxophonisten. Es bietet einen modernen, keineswegs leisen oder muffigen Sound, der sogar für manche Jazz-Spieler vor allem in den älteren Stilen durchaus brauchbar ist. Als Zubehör finden sich neben einem weichen Tuch mit Selmer-Logo, Tragegurt, Durchziehwischer, Korkfett und Instrumentenpass auch zwei Blättchen der Marke Selmer Omega. Also auch hier volle Punktzahl für beide Kandidaten.

Fazit
Wie nicht anders zu erwarten war sind beide Instrumente vollwertige Profiinstrumente, wobei es doch große Unterschiede gibt. Das Super Action 80 „Serie II” kommt eindeutig aus der Selmer-Tradition sowohl was die Bauweise als den Klang angeht, während das „Serie III”-Instrument eine völlige Neukonstruktion darstellt. Vor allem die einzigartige Cis-Ausgleichsklappe verleiht dem Instrument eine nie gekannte Ausgeglichenheit der Skala, die viele Spieler faszinieren wird. Der etwas rundere Klang des „Serie III” macht dieses Instrument neben der absolut ausgeglichenen Intonation noch zu etwas Besonderem. 

Pro und Contra

Super Action 80 „Serie II”
+ bewährte Mechanik
+ sehr gutes Handling
+ großer Dynamikumfang und guter Sound

- intonationsmäßig zu hohes Cis´´´

Super Action 80 „Serie III”
+ moderne Mechanik
+ Cis-Ausgleichsklappe
+ ausgeglichene Skala
+ einwandfreie Intonation
+ warmer runder aber strahlender Klang

Hersteller:  Henri Selmer Paris
Modelle:  "Super Action 80 Serie II" und „Serie III

 

Kontakt:  www.selmer.fr und www.sonic.de