Vintage Sound von SELMER

Vintage Sound von SELMER

Tenorsaxophone „Reference 36” und „Reference 54“

Nachdem in sonic 4.2001 und 5.2001 die beiden Reference-Tenöre getrennt voneinander besprochen wurden, interessieren uns diesmal die Unterschiede zwischen diesen beiden Tenorsaxophone.

Von Uwe Ladwig

Neben der Standard-Serie Super Action 80 Serie II (Eb-Sopranino, Bb-Sopran, Eb-Alto, Bb-Tenor, Eb-Bariton und Bb-Bass) und der Serie III (derzeit nur Bb-Sopran, Eb-Alto, Bb-Tenor) gibt es seit 2001 Retro-Tenorsaxophone aus dem Hause Selmer.
Das „Reference 36“ lehnt sich in der Intention an das Vintage-Horn „Balanced Action“ (gebaut zwischen 1936 und 1947) an, das „Reference 54“ an das „Mark VI“, das nach offiziellen Angaben von 1954 bis 1973 gebaut wurde – mir lagen allerdings auch Instrumente aus den Baujahren 1974 und 1975 vor, die ebenfalls den „Mark VI“-Stempel trugen. Beide Modelle stellten Meilensteine des Saxophonbaus dar, es ist eigentlich nur konsequent, solche Spitzenhörner als Vorbild zu nehmen. Selmer tut das mit diesen beiden Modellen, die allerdings Neuentwicklungen nach dem neuesten Stand der Technik sind. Unter anderem warten die Hörner mit einer modernen Klappenanlage (Applikatur) und einem Tonumfang bis hoch Fis auf – was ich in diesem Zusammenhang allerdings unnötig finde: 1936 gab es noch gar kein Saxophon mit einer zusätzlichen Fis-Klappe und auch die gefragtesten „Mark VI“ Hörner sind eben die ohne Hoch Fis. Dieser Ton lässt sich gerade auf dem Tenor sehr einfach mit einem Top-Tone-Griff erreichen. Zur Ergonomie der Applikatur bleibt anzumerken, dass es grundsätzlich schwierig bis unmöglich ist, ein für alle Handgrößen optimal passendes Klappendesign zu finden (siehe dazu auch den Testbericht zum „Prestini Tenorsaxophon“ in diesem Heft), für mich passte es perfekt.

Lieferumfang
Selmer ist eigentlich dafür bekannt, die Instrumente nackt auszuliefern, jegliches Zubehör muss also separat erworben werden. Bei den vorliegenden Modellen in Reference-Ausstattung ist allerdings wirklich alles dabei: Hartschalen-Formkoffer, Kautschuk-Mundstück S-80 C* mit Kapsel und Schraube, Selmer Cork Grease, Standard-Tragegurt mit Selmer-Emblem, zwei Blätter, leider vollkommen ohne Beschriftung, Wischer, Putztuch, Broschüre „Saxophon Care“, leider nur in englisch / französisch und Instrumenten-Pass. Die Instrumente sind auch ohne Zusatzausstattung im Handel erhältlich.
Die Cases für beide Hörner sind identisch, der Hartschalen-Formkoffer wird per Reißverschluss zusammengehalten, die Unterseite des Koffers ist gummiert und rutscht somit nicht auf der Unterlage herum, eine gute Idee. Im Koffer selbst ist in einem Fach der Tragegurt mit stabilen Karabinern untergebracht. Die Entscheidung, ob man den Koffer mit oder ohne den Gurt verwendet, bleibt jedem selbst überlassen, aber auch bei Nichtgebrauch hat der Gurt seinen Platz. In diesem Minifach lässt sich alternativ ein wenig Zubehör unterbringen. Zusätzlich gibt es Steckplätze für den S-Bogen sowie ein Mundstück.
Zur Beurteilung habe ich vor mir liegen: Ein Selmer „Reference 36“ mit der Seriennummer 677.551 und ein „Reference 54“ mit der Nummer 675.411. Beide Instrumente scheinen im Grunde baugleich zu sein, lediglich im Finish sind auf den ersten Blick Unterschiede zu erkennen. Bei Selmer USA werden diese Referenz-Modelle übrigens als Model 74 („Reference 54“) und Model 84 („Reference 36“) gelistet.

Die Gemeinsamkeiten
Beide Instrumente sind aus einer Messing-Legierung mit hohem Kupferanteil gefertigt, haben einen Tonumfang bis Hoch Fis, sind mit blauen Spitznadel-Federn, echtem Kork, schwarzem Filz und Pads mit braunen Kunststoff-Resonatoren ausgerüstet und verfügen über einen verstellbaren Metall-Daumenhalter. Die Polster sind mit Schellack eingeklebt, tragen auf der Rückseite das Selmer Logo und werden von Pisoni gefertigt (Chanu-Polster werden seit kurzer Zeit von Selmer nicht mehr verwendet). Die Applikatur ist bei beiden identisch und nutzt so genannte Mini-Ribs, also kleine Grundplatten, auf denen mehrere Achsenböckchen montiert sind. Beim „Mark VI“ und vielen anderen modernen Saxophonen werden große Full-Ribs verwendet, es werden also viele Böckchen zusammen auf eine Grundplatte gelötet. Die Bechergröße ist mit ca. 154 mm (zum Vergleich: „Balanced Action“ von 1939: 187 mm) ebenso identisch, auch die S-Bögen sehen gleich aus. Die Becher sind verschraubt und somit für Reparaturen abnehmbar, der Klappenschutz für Tief-H und Bb ist einteilig, der schwarze Filz-Klappenanschlag ist einstellbar, es gibt die üblichen Einstellschrauben. Die Front-F-Klappe ist, wie früher üblich, rund und mit Perlmutt belegt. 

Die sichtbaren Unterschiede
Das 36 ist mit einem dunklen Lack (Finish 10) versehen, am Becher ist eine typische florale Gravur angebracht (nach dem Lackiervorgang von Hand graviert), die rechte Seite des Bechers ziert (unter dem Lack) das Selmer Emblem und der geschwungene Schriftzug „Reference 36“. Auf der Klappe des S-Bogens ist das „S“ blau unterlegt (von Hand ausgemalt). Nebenbei: Obwohl auf der Homepage von Selmer als identisch ausgegeben, ist der Lack des Alto-Reference-Modells (es gibt dort nur den Typ 54) nicht der gleiche wie beim Tenor 36. Der beim Alto verwendete Lack ist noch dunkler. Das quasi neu aufgelegte „Mark VI“ ist gebürstet und abschließend matt lackiert (Finish 11, matt antik), der Herstellungsvorgang dieser Oberflächenveredelung umfasst mehrere Schritte, bei denen das Instrument durch einen speziellen Oxydationsprozess auch komplett braun-schwarz wird. Die außen teilweise noch vorhandenen bräunlichen Stellen sind also kein Lack, sondern mehr oder weniger absichtlich belassene Verfärbungen. Das „S“ auf der Klappe des Neck hat keinen blauen Hintergrund, der Becher ist bis auf das seitliche Selmer Zeichen und die Bezeichnung „Reference 54“ schmucklos.

Verarbeitung
Beide Instrumente sind fehlerfrei gearbeitet – bis auf den S-Bogen des „Reference 36“: Er ist zu locker, auch bei sehr fest angezogener Spannschraube lässt er sich zu leicht bewegen. Die Federspannung ist sehr straff, alle Klappen decken einwandfrei, die Mechanik hat kein überflüssiges Spiel. 

Handling und Spielbarkeit
Erwartungsgemäß liegen beide Instrumente gleich gut in der Hand, denn die Dimensionen und die Applikaturen sind identisch. Beide Saxophone sprechen sauber an, der Blaswiderstand ist allerdings etwas höher als bei anderen Hörnern. Bei beiden Instrumenten muss das Mundstück recht weit auf den S-Bogen geschoben werden, um eine korrekte Intonation zu bekommen. Hier wäre es kein Fehler, den Kork des Necks etwas länger zu gestalten.

Intonation und Sound
Die Hörner habe ich abwechselnd mit meinem vertrauten Yanagisawa Metall 9 Mundstück mit „Gonzales“-Blättern mittlerer Stärke geblasen und dabei folgendes festgestellt: Beide Modelle intonieren über den gesamten Umfang und innerhalb der bauartbedingten üblichen Toleranzen gut, einzig das E3 ist erstaunlicherweise bei beiden Instrumenten zu hoch. Das 36 klingt meines Erachtens nicht nach einem Instrument französischer Bauart – es klingt wie ein altes amerikanisches Horn! Es hat den typischen, leicht dunklen, sehr volltönenden, kräftigen Sound eines amerikanischen Vintage Horns, kombiniert mit einer über jeden Zweifel erhabenen Applikatur.
Das 54 klingt luftiger und etwas heller; beim Probieren hatte ich sofort die Assoziation zu „Stan Getz“ (Tenor) und „Paul Desmond“ (Alto). Zusätzlich hatte ich einen weiteren Saxophonisten, dessen Tenor-Hauptinstrument ein „Balanced Action“ von 1939 ist, gebeten, beide neuen Instrumente anzuspielen und mit seinem vertrauten Instrument zu vergleichen. Sein Original „Balanced Action“ lag nach seinem Empfinden klanglich zwischen dem 36 und dem 54.
Von Selmer wird versichert, dass die Instrumente im Bereich des Knies (Verbindung Schallröhre/Schallbecher) unterschiedlich dimensioniert sind, nachprüfen kann man es kaum. Das Messen mit der Schieblehre ergab nur vernachlässigbare Unterschiede, die auch mit dem Finish der Instrumente zusammenhängen können. Die Art der Oberflächenbehandlung und des Lacks hat speziell hier mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einen Einfluss auf den Klangcharakter. Für diese These spricht, dass beide Instrumente in nur diesem Finish zu bekommen sind. Es war übrigens nicht in Erfahrung zu bringen, welche Lacke Verwendung finden – diese „Geheimniskrämerei“ wird verständlich, wenn man weiß, dass das Selmer „Mark VI“ das bis heute meistkopierte Saxophon der Welt ist.


Fazit
Zwei wirklich hervorragende Saxophone mit vollkommen unterschiedlichem, jeweils charakteristischem Klang. Beide Modelle sind ernstzunehmende Alternativen zu Vintage Instrumenten, zumal die Preisentwicklung für z. B. ein „Mark VI“ nicht mehr nachzuvollziehen ist. Ich vermute, dass die beiden „Reference“-Modelle selbst zu Klassikern werden.
Produktübersicht und Preise
Hersteller: Selmer, Paris
Modellbezeichnung: „Reference 36“, „Reference 54“
Ausführung: Tonumfang bis Hoch-Fis
Lieferumfang: Instrument, Form-Koffer, Mundstück, Fett, Reinigungstuch, Wischer, Tragegurt
Preise: Beide Instrumente 4.840,- EUR
Kontakt: www.selmer.fr

Pro und Contra
+ dunkler, volltönender Sound beim 36
+ obertonreicher, luftiger Klang beim 54
+ guter Koffer
- E3 intoniert bei beiden Instrumenten etwas zu hoch
- Sitz des S-Bogens beim vorliegenden „Reference 36“ zu locker

BU:
• „Reference 36“ (Vollansicht)
• „Reference 54“ (Vollansicht)
• „Balanced Action“, Baujahr 1939 (Vollansicht)
• Die Rückseite des Modell 54
• „Balanced Action“ (Bottom)
• Modell 36 (Bottom)
• Vergleich der S-Bögen: Oben „Balanced Action“ (Baujahr 1939), unten „Reference 36“

 

Mehr Informationen zum Tenorsaxophon Reference 36

Mehr Informationen zum Tenorsaxophon Reference 54